«Ein Sämann ging aufs Feld, um seinen Samen auszusäen.» (Lk 8, 4ff.)

28. Oktober 2023

Metropolit Dimitrij von Rostow

An diesem Sonntag hörten wir in der Göttlichen Liturgie das heilige Evangelium, oder vielmehr den Herrn selbst, der uns das Gleichnis von der Aussaat der Samen erzählte, von denen ein Teil auf den Weg, ein anderer auf die Felsen, ein anderer in die Dornen und nur wenige auf guten Boden fielen. Der Same, der auf schlechten Boden fiel, ging zugrunde: auf dem Weg wurde er von Füßen zertreten und von Vögeln aufgepickt; auf dem Felsen verdorrte er und in den Dornen ist der Samen erstickt worden. Aber das, was auf guten Boden fiel, ging auf und brachte Frucht. Wir haben die Auslegung dieses Gleichnisses im selben Evangeliumstext gehört, aber da die Auslegung in kurzen Worten erfolgt und, wie ich glaube, nicht jeder sie im Kopf behalten hat, wollen wir mit Gottes Hilfe wenigstens einige Teile kurz erklären.

Der Same ist das Wort Gottes, und der Boden ist das Herz des Menschen. Ein gutes Herz ist ein guter Boden, aber ein böses Herz ist ein schlechter Boden, der mit Füßen getreten wird wie ein Weg, hart wie Stein und scharf wie Dornen. Von Anfang der Welt an hat der Herr, unser Gott, sein Wort in die Herzen der Menschen gesät: zuerst durch die Vorväter und Propheten, die das Wort Gottes verkündeten, dann durch Ihn selbst, Der aus der reinen Jungfrau Maria geboren wurde, auf der Erde erschien und bei den Menschen wohnte; denn Er zog durch die Städte und Dörfer, lehrte und verkündete das Reich Gottes; Dann sandte er seine Apostel in die Welt, um die Saat des Wortes Gottes auszustreuen, und nach den Aposteln setzte er Kirchenlehrer ein, und diese Aufgabe hat sich bis in die heutige Zeit fortgesetzt, bis hin zu den Bischöfen und Priestern, die die geistliche Saat, das heißt das Wort Gottes, ausstreuen sollen.

Aber wehe unserer verkehrten Zeit, denn diese Aussaat wird völlig vernachlässigt, das Wort Gottes wird völlig aufgegeben, und niemand kümmert sich um seine Seele und die Seele seines Nächsten, damit er sie zur Zeit der letzten Ernte Gott weder vergeblich noch leer vorstellt. Ich weiß nicht, wer als abstoßender zu betrachten ist: die Sämänner oder die Erde, die Priester oder die Herzen der Menschen, oder beides zusammen. "Alle sind sie abtrünnig und verdorben, keiner tut Gutes, auch nicht ein Einziger." (Psalm 52,4). Die Sämänner säen nicht und die Erde nimmt nicht auf. Die Priester sind nachlässig und die Menschen gehen in die Irre. Die Priester lehren nicht und die Menschen bleiben in Unwissenheit. Die Priester predigen nicht das Wort Gottes und die Menschen hören nicht zu oder wollen es gar nicht hören. Beide Seiten sind böse: Die Priester sind töricht und die Menschen sind unklug. Die Hirten gehen in die Irre, und die Schafe folgen ihnen, ohne zu wissen, wohin sie gehen; die Blinden führen die Blinden, und gemeinsam fallen sie in eine Grube.

Gott war in der Vorzeit zornig auf das jüdische Volk und drohte ihm, indem Er durch Seinen Propheten Amos sprach: "Seht, es kommen Tage - Spruch Gottes, des Herrn -, da schicke ich den Hunger ins Land, nicht den Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser, sondern nach einem Wort des Herrn. Dann wanken die Menschen von Meer zu Meer, sie ziehen von Norden nach Osten, um das Wort des Herrn zu suchen; doch sie finden es nicht." (Am 8,11-12). Ich weiß, dass alle unwissenden Menschen das sehnsüchtige Bedürfnis, das Wort Gottes zu hören, nicht als eine große Strafe ansehen, die uns von Gott für unsere Sünden gesandt wurde. Sie halten die Strafe des Verhungerns beim Fehlen von Brot für größer als die fehlende Freude, das Wort Gottes zu hören. O ihr Toren! Wisst ihr nicht, was größer ist: der Leib oder die Seele, und welche Nahrung wertvoller und nützlicher ist: die vergängliche oder die unvergängliche, die fleischliche oder die geistige, und welche Entbehrung größer ist: die Knappheit des Brotes oder das Fehlen des Wortes Gottes. Schlimm ist der Hunger nach Brot, aber noch schlimmer ist der Hunger nach dem Wort Gottes. Denn das Brot stärkt nur unser zeitliches Leben, das Wort Gottes aber gründet uns im ewigen Leben. Jeder Bauer kann das dem Verderben preisgegebene Brot anbauen, aber nicht jeder kann das unvergängliche Wort Gottes prüfen. Dieser geistliche Hunger, der Hunger, das Wort Gottes zu hören, ist in unserer Diözese sehr stark geworden, weil es keine Sämänner des geistlichen Samens gibt und keinen guten Boden. Es gibt keine Lehrer, sage ich, und es gibt keine Herzen, die die Lehre aufnehmen.

Er sät die Samen des Wortes Gottes in unsere Herzen, aber sie fallen in uns auf jene Pfade, wo sie von unseren Füßen zertreten werden. Wir haben im heiligen Evangelium gehört, dass der Same, der auf den Weg fällt, auf zweierlei Weise Schaden nimmt: Erstens wird der Same von den Füßen derer zertreten, die auf dem Weg gehen, und zweitens wird er von den fiel ein Teil der Körner auf den Weg; sie wurden zertreten und die Vögel des Himmels fraßen sie. Das verdorbene menschliche Herz ist wie ein Weg, auf dem Menschen und Vieh gehen und das Wort Gottes zertreten. Das verdorbene Herz wird von allen Arten von Eitelkeit, Bösartigkeit, bösen Gedanken und leidenschaftlichen Begierden zertreten, nicht nur von Menschen, sondern auch von Vieh. So heißt es: "Der Mensch bleibt nicht in seiner Pracht; er gleicht dem Vieh, das verstummt." (Psalm 49,13). Wenn das Wort Gottes in ein solches Herz fällt, wird es sofort von bösen, verkehrten Gedanken zertrampelt und bringt keine Frucht. Doch mit dem Zertreten allein ist es ja nicht getan; die Vögel picken es auch auf. Es heißt: es "fiel ein Teil der Körner auf den Weg; sie wurden zertreten und die Vögel des Himmels fraßen sie." (Lk 8,5). Welche Vögel sind das? Christus, der Herr, selbst deutet es so: "Der Teufel kommt und reißt das Wort aus ihren Herzen" (Lk 8,12). Der Teufel ist der Vogel, der das Wort aus dem Herzen des Menschen reißt; er war einst ein himmlischer Vogel, aber er wurde vom Himmel in die Hölle hinabgeworfen. Da er nicht in der Hölle leben wollte, kam er auf die Erde, baute sich ein Nest in der Wüste und bereitete sich eine reiche Nachkommenschaft. Der Teufel hat seine Jünger vervielfacht und sendet sie nun, wie man Jungvögel aus dem Nest wirft, in alle Städte und Dörfer, um die Saat des Wortes Gottes zu fressen, sie aus den Herzen der Menschen zu reißen und die Lehre der heiligen orthodoxen Kirche zu zerstören. Sie haben bereits fast alle Saat auf allen Feldern der Herzen gepickt und gefressen, denn nur noch bei wenigen Menschen ist wahre Frömmigkeit und echter orthodoxer Glaube zu sehen.

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