Über die Nachahmung der Tugenden der Mutter Gottes

2. December 2023

Archimandrit Kirill Pawlow

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Gesegnet bist du unter den Frauen! (Lukas 1,28). Mit diesen Worten begrüßte der Himmelsbote die selige Jungfrau, als er ihr die Frohe Botschaft von der Geburt des Erlösers der Welt überbrachte. Als Antwort auf diesen Gruß des Erzengels hören wir die prophetischen Worte, die Maria, die Allheilige Jungfrau, ihrer Verwandten, der gerechten Elisabeth, verkündete. Diese Worte wurden nicht unter dem Einfluss ihrer Begeisterung in jenem Moment gesprochen, sondern unter dem Einfluss der Gnade des Heiligen Geistes. “Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“ (Lk 1,48) - das sind die prophetischen Worte, die seit zwei Jahrtausenden gerechtfertigt sind, wenn alle Enden der Welt die Allreine als Mutter Gottes verherrlichen, sie als ehrwürdiger als die Cherubim und herrlicher als die Seraphim sowie sie als Fürsprecherin des Christengeschlechts preisen.

Wir alle, die wir an Christus glauben, sollten uns glücklich schätzen und uns geistig freuen, dass wir einen so großen geistigen Schatz besitzen, und wir sollten ihn hegen und pflegen, damit er uns nicht vom Feind gestohlen wird. Wir sollen die Mutter Gottes lieben, sie ehren, ihr gehorchen und sie auf jede mögliche Weise durch unsere guten Taten und Beispiele unseres guten, frommen, christlichen Lebens verherrlichen. Die höchste Verherrlichung der Mutter Gottes unsererseits wird sein, wenn wir versuchen, ihr gottgefälliges Leben, ihre Tugenden nachzuahmen. Und dazu müssen wir ihr irdisches Leben und ihre Tugenden, mit denen sie sich schmückte und dank derer sie eine so hohe Ehre empfing - die Mutter unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus zu werden -, umfassend kennenlernen. Indem wir ihr Leben betrachten, sie nachahmen und die Lehren der christlichen Frömmigkeit für uns entlehnen können. Und wir haben viel von ihr zu lernen.

Wenn wir zunächst mit ihrer Geburt beginnen, kommen wir nicht umhin zu bemerken, dass es keine gewöhnliche Geburt war, wie die gewöhnliche Geburt von leiblichen Eltern, sondern die Frucht der inbrünstigen, tränenreichen Bitten unfruchtbarer Eheleute. Nach jahrelangen Leiden und Gebeten baten sie Gott um ein Kind und versprachen, es IHM zu weihen, und als Antwort auf ihr Gebet schenkte ihnen der Herr ein gesegnetes Kind, das nicht nur ein Trost für sie, sondern auch eine Freude für die ganze Welt wurde. Das ist die Kraft des elterlichen Gebets, die uns lehrt, in allen Lebenssituationen immer öfter auf das Gebet zurückzugreifen. Die Tochter der rechtschaffenen Joachim und Anna, die allheilige Jungfrau Maria, war von der Vorsehung Gottes dazu bestimmt, die Mutter des menschgewordenen Gottessohnes zu werden. Sie war sowohl wegen der unvergleichlichen Güte Gottes als auch wegen der unvergleichlichen Würde und Reinheit der Jungfrau selbst, die für dieses hohe Amt auserwählt wurde, vorherbestimmt.

Es wird gefragt, wie, auf welche Weise und in welcher Umgebung sie eine solche Reinheit, die höher war als die der Engel, kultivieren und bewahren und eine Würde erlangen konnte, die die Herrlichkeit der himmlischen Mächte übertraf? Die Antwort lautet: Sie hat all dies durch ihre Erziehung und ihren Aufenthalt im Tempel erreicht, wo sie sich fast bis zum Tag der Verkündigung aufhielt. Der Tempel war ihr Erzieher, der Hüter und Bewahrer ihrer Reinheit und Jungfräulichkeit. Im Tempel lernte sie die Stille und Einsamkeit lieben sowie das beständige Gottesgedenken, und damit auch das reinste Herzensgebet kennen. Mögen alle, die der Gesellschaft und dem Wirbel des weltlichen Seins verfallen sind, aus dem Beispiel der Heiligen Jungfrau lernen, dass die himmlische Gnade nicht in der Eitelkeit der Sorgen dieser Zeit, nicht in der Unterhaltung von Menschenmassen, nicht im Lärm des müßigen Geredes die Seele besucht und reichlich das Wort Gottes ins Herz sät.

Die kirchliche Überlieferung berichtet, dass die Heilige Jungfrau im Tempel in Jerusalem war und ein Engel des Herrn ihr Essen brachte. Was bedeutet das? - Es bedeutet, dass sie fastete, denn wer nicht fastet, braucht keine Hilfe von oben, er wird sich selbst mit Nahrung versorgen, so wie er es wünscht. Aber denen, die nach dem geistlichen Leben streben und die leiblichen Bedürfnisse vernachlässigen, nur denen, die Gott lieben, wird ein Engel vom Himmel gesandt, damit sie durch übertriebene Enthaltsamkeit ihre leibliche Natur nicht zerstören. So übte sich die allheilige Jungfrau im Fasten.

Wie verbrachte die Heilige Jungfrau ihre Zeit während ihrer Jahre im Tempel? Der heilige Hieronymus, der uns die kirchliche Tradition überliefert, berichtet uns darüber sehr detailliert. Vom frühen Morgen bis zur dritten Stunde (das heißt bis neun Uhr morgens) übte sie sich im Gebet, von der dritten bis zur neunten Stunde (d.h. bis drei Uhr nachmittags) machte sie Handarbeiten und studierte in den Heiligen Schriften das Wort Gottes. Ab der zehnten Stunde betete sie wieder und blieb im Gebet, bis ein Engel ihr Essen brachte und sie es aus seinen Händen entgegennahm.

Weshalb, so kann man fragen, fastete die Allreine täglich auf diese Weise? Man kann nicht sagen, dass sie dies in bewusster Vorbereitung auf den großen Dienst tat, die Mutter des Erlösers der Welt zu werden, denn dieses Geheimnis war ihr bis zur Verkündigung durch den Erzengel verborgen. Ob sie jedoch aus eigenem Verlangen nach geistigem Leben diese Tat wählte oder ob sie von einem Engel von oben dazu aufgefordert wurde, diese Tugend zu üben, es war kein Zufall, dass sie auserwählt wurde, sondern ein besonderes Ermessen, um sie auf dieses große Sakrament vorzubereiten, auch wenn es ihr noch unbekannt war. Ihr Beispiel ist in diesem Fall unnachahmlich und für uns unerreichbar. Dennoch sollten auch wir zu unserer eigenen Erbauung und unserem eigenen Handeln daraus die Gewissheit ableiten, dass, wenn das vollkommene Fasten der heiligen Jungfrau für sie notwendig und nützlich war, unser Fasten, auch wenn es unvollkommen ist, für uns auf dem Weg der moralischen christlichen Vervollkommnung ebenso notwendig und nützlich ist.

Die Überlieferung sagt uns auch, dass die selige Jungfrau Maria gerne in den Büchern der Heiligen Schrift las; insbesondere las sie mit tiefer Besinnung die Prophezeiung des Jesaja, dass die Jungfrau einen Sohn empfangen und gebären würde, und man würde seinen Namen Immanuel nennen (Jesaja 7,14). Dieses Beispiel und das Evangelium selbst machen deutlich, dass ihr Geist von der Lektüre der göttlichen Worte genährt und ihr Verstand von der göttlichen Weisheit erleuchtet wurde. Und jeder von uns, meine Lieben, sollte sich um den christlichen Edelmut kümmern und nicht auf jeden hören, der das Lesen der Heiligen Bücher ablehnt, indem er sagt, "es sei nicht notwendig und nutzlos für euch"; schaut auf das Beispiel der Heiligen Jungfrau und lernt täglich durch die geistliche Lektüre, damit die Frucht eures Glaubens wächst. Der Heilige Geist sagt durch den Propheten David: "Gesegnet ist der Mann, dessen Wille im Gesetz des Herrn ist, und der Tag und Nacht sein Gesetz lernt. Denn er wird sein wie ein Baum, gepflanzt an einem Wasserlauf, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, ein Baum, der reiche Frucht trägt (Psalm 1,1-3). Und der heilige Apostel Paulus schreibt: Lasst das Wort Christi reichlich in euch wohnen, in aller Weisheit (Kol. 3,16).

Heute wollen wir uns auf diese drei Tugenden der Gottesmutter konzentrieren - Fasten, Lesen des Wortes Gottes und Gebet. Versuchen wir, sie darin in unserem Leben nachzuahmen, denn wie sie unvergleichliche Herrlichkeit erlangte, so wird sicherlich jede christliche Seele, die nach Tugend strebt, wenn sie auch nicht die Vollkommenheit der Himmelskönigin erreicht, von der Gnade des Heiligen Geistes erleuchtet werden und sich auf die Herrlichkeit im zukünftigen ewigen Leben vorbereiten, die uns der Herr durch die Gebete Seiner Heiligen Mutter gewähren möge. Freue dich, o unsere Freude, bewahre uns vor allem Bösen und bedecke uns mit deinem heiligen Omophorion. Amen.

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