Hl. Athanasios der Große: Über die Menschwerdung des Wortes Gottes (4)

22. Dezember 2022

Hl. Athanasios der Große

DIE BESTIMMUNG ZUR AUFERSTEHUNG

Vor allem aber geziemte dies wahrhaft große Werk der Güte Gottes. Wenn schon ein König ein Haus oder eine Stadt, die er erbaut hat und dann wegen der Gleichgültigkeit der Einwohner von Räubern überfallen sieht, durchaus nicht ihrem Schicksal überlasst, sondern als sein Werk verteidigt und rettet, wobei er nicht auf die Lässigkeit der Bewohner, sondern auf das sieht, was sich für ihn ziemt, so hat noch weit weniger das göttliche Wort des allgütigen Vaters das von ihm erschaffene Menschengeschlecht, das auf dem Weg zum Verderben war, seinem Schicksal überlassen. Vielmehr hat er den verschuldeten Tod mit der Opferung seines eigenen Lebens hinweggenommen, hat die Nachlässigkeit der Menschen durch seine Lehre wiedergutgemacht und die ganze Lage der Menschen durch seine Macht wieder in die rechte Ordnung gebracht. Das kann man auch beglaubigt hören von den Gottesmännern, die um die Person des Heilands waren, wenn man in ihren Schriften die Worte liest: „Die Liebe Christi drängt uns, indem wir also urteilen: Ist einer für alle gestorben, so sind also alle gestorben. Nun aber ist er für alle gestorben, damit wir nicht mehr uns leben, sondern dem, der für uns gestorben und von den Toten auferstanden ist, unserem Herrn Jesus Christus“. Und wieder: „Doch sehen wir den ein wenig unter die Engel Erniedrigten, Jesus, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt wegen seines Todesleidens, womit er durch die Gnade Gottes für einen jeden den Tod kosten wollte“. Dann gibt er auch den Grund an, weshalb kein anderer als Gott - das Wort selbst - Mensch werden musste, wenn er sagt: „Denn es ziemte sich für ihn, um dessentwillen alles und durch den alles ist, viele Kinder zur Herrlichkeit zu führen und deshalb den Urheber ihres Heils durch Leiden zu vollenden“. Mit diesen Worten gibt er zu verstehen, dass es keinem anderen zukam, die Menschen aus dem verhängnisvollen Verderben zu erretten als Gott - dem Wort, Der sie auch im Anfang geschaffen hat. Dass sodann das Wort einen Leib angenommen, um ihn als Opfergabe für die ihm ähnlichen Leiber darzubringen, auch das deuten sie an mit den Worten: „Da also die Kinder Fleisch und Blut gemeinsam haben, so nahm er in ähnlicher Weise auch daran teil, damit er durch den Tod den überwinde, der die Gewalt des Todes hatte, nämlich den Teufel, und die erlöste, die im Banne der Todesfurcht ihr Leben lang unter dem Joch der Knechtschaft standen“. Denn mit der Opferung seines eigenen Lebens hat er dem Gesetz wider uns ein Ende gesetzt und uns einen neuen Anfang des Lebens gegründet, indem er uns die Hoffnung der Auferstehung gab. Weil der Tod durch Menschenschuld über die Menschen Macht erhalten hatte, deshalb ist auch wieder durch die Menschwerdung Gottes, des Wortes, des Todes Macht gebrochen worden und die Auferstehung des Lebens eingetreten. Deshalb sagt auch der Christusträger: „Denn wie durch einen Menschen der Tod, so durch einen Menschen die Auferstehung von den Toten. Wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden usw.“. Jetzt sterben wir nicht mehr, um gerichtet zu werden, sondern mit der Bestimmung zur Auferstehung harren wir auf die gemeinsame Auferstehung aller, die Gott zu seiner Zeit schauen lassen wird, er, der sie auch bewerkstelligt und gewährt hat. Das also ist die erste Ursache der Menschwerdung des Erlösers. Doch auch aus folgendem mag man erkennen, dass seine gnädige Ankunft unter uns wohlbegründet war.

Als Gott, der über alles die Macht hat, das Menschengeschlecht durch sein eigenes Wort erschuf, da wusste er alsbald auch um die Ohnmacht seiner Natur und dass diese nicht imstande wäre, von sich aus den Schöpfer zu erkennen noch überhaupt von Gott eine Erkenntnis zu gewinnen, da er unerschaffen, sie aber aus dem Nichts hervorgegangen ist, er unkörperlich, die Menschen aber irgendwo hienieden mit einem Leib gebildet worden sind und überhaupt den geschöpflichen Wesen ein großer Mangel anhaftet, um den Schöpfer zu begreifen und zu erkennen. So erbarmte er sich wieder in seiner Güte des Menschengeschlechtes und wollte den Menschen nicht die Erkenntnis seiner vorenthalten, damit sie nicht ein Dasein führten, ohne einen Gewinn davon zu haben. Was haben denn die Geschöpfe für einen Gewinn davon, wenn sie ihren Schöpfer nicht erkennen? Oder wie wären sie vernünftig, wenn sie den Geist des Vaters nicht erkannten, in dem sie doch entstanden sind? Denn zwischen ihnen und den vernunftlosen Wesen wäre gar kein Unterschied, wenn sie weiter nichts als irdische Dinge wahrnähmen. Wozu hätte sie Gott auch erschaffen, wenn er von ihnen nicht erkannt sein wollte? Eben um dieses zu verhüten, teilt er ihnen in seiner Güte sein Ebenbild, unseren Herrn Jesus Christus, mit und macht sie seinem Bild und seiner Ähnlichkeit gleichförmig, damit sie durch diese das Abbild erkannten, nämlich den Logos des Vaters, und durch ihn eine Vorstellung vom Vater gewinnen könnten und in der Erkenntnis des Schöpfers ein glückliches und wahrhaft seliges Leben führten. Doch die also angebotene Gnade missachteten ihrerseits die Menschen im Unverstand und kamen so weit von Gott ab und befleckten so sehr ihre Seele, dass sie nicht nur die Vorstellung von Gott vergaßen, sondern auch andere Dinge um Dinge sich einbildeten. Götzenbilder schufen sie sich an Stelle der Wahrheit, das Nicht Seiende stellten sie höher als den wahrhaftigen Gott und huldigten der Schöpfung anstatt dem Schöpfer. Und das Schlimmste war noch, dass sie auf Holzstücke und Steine, auf alle möglichen Stoffe und auf Menschen die Gott schuldige Ehre übertrugen und noch mehr dergleichen sich leisteten, wie bereits früher gesagt worden. Ja, so gottlos wurden sie, dass sie nunmehr gar Dämonen verehrten und als Götter ansprachen und deren Wünsche erfüllten. Opfer von vernunftlosen Wesen und Menschenopfer brachten sie ihnen, wie früher erwähnt worden, als schuldigen Tribut dar und ließen sich durch deren Lockungen immer mehr in Fesseln schlagen. Deshalb wurden bei ihnen auch magische Künste gelehrt, und Orakelsprüche da und dort täuschten die Menschen, und alle schrieben die Ursachen ihrer Geburt und ihres Lebens den Sternen zu und allen Erscheinungen am Himmel, ohne an etwas anderes zu denken als an das Sichtbare. Überhaupt war alles voll Gottlosigkeit und Sünde, und nur der Eine Gott und Sein Wort wurden nicht erkannt, obschon er sich den Menschen nicht unbezeugt ließ und ihnen auch nicht nur eine primitive Erkenntnis seiner gab, sondern sie ihnen mannigfach und in vielen Offenbarungen erläuterte.

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