Predigt am Sonntag des Verlorenen Sohnes

12. Februar 2023

Ikone mit der Gleichnisdarstellung

Ikone mit der Gleichnisdarstellung

Priestermärtyrer Sergij Metschjow

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Vom Sonntag des Pharisäers und des Zöllners führt uns die Kirche zum Sonntag des Verlorenen Sohnes. Der Zustand, in dem sich der Zöllner befindet, als er bei Gott um Erbarmen bittet und er nicht nur über seine guten Werke nachdenkt, sondern seine Augen nicht zum Himmel zu erheben vermag, dieser Zustand wird am Beispiel des Verlorenen Sohnes noch tiefer herausgearbeitet.

Der Herr hat uns erschaffen, wir leben im Herrn und sterben ohne Ihn einen wirklichen Tod. Wir verhalten uns normalerweise wie der verlorene Sohn, der, nachdem er von seinem Vater ein Vermögen erhalten hatte, ihn in ein weit entferntes Land reiste und dachte, dass er mit seinen erhaltenen Talenten alleine leben könnte. Aber geistlich ist dies der Tod, denn gemäß den heiligen Vätern leben wir in Gott. Als der verlorene Sohn zurückkam, sagte der Vater zu dem anderen Sohn, der über den freudigen Empfang seines Bruders empört war: „Dein Bruder war tot und lebt wieder“ (Lk 15,32). Hier, in einem Zustand der Entfremdung von Gott, ist das Wichtigste, dass wir uns nicht als Sünder erkennen und vergessen, was wir von Natur aus sind. Wir sind von Natur aus „ein Abbild der unaussprechlichen Herrlichkeit Gottes“, obwohl wir die Plagen vieler Sünden tragen. Wir sind Bürger einer anderen Welt, himmlische Bürger. Und wenn wir hier auf Erden leben, dann um das Reich Gottes auf Erden zu gestalten, in Erinnerung an unsere himmlische Heimat.

Der Gottesdienst am Sonntag des Verlorenen Sohnes offenbart uns den Zustand der Entfremdung von Gott: „Der Herrlichkeit Reichtum, den du mir gabst, o himmlischer Vater, schlimm zerstreute ich ihn, ließ von fremden Menschen mich knechten. ...“

Das ist der Zustand, in dem sich der verlorene Sohn lange Zeit befand und schließlich, so sagt das Gleichnis des Evangeliums, „zur Vernunft kam“ (Lukas 15, 17).

Was bedeutet „zur Vernunft kommen“?

Einer der Heiligen Väter sagte, dass der Anfang unserer Erlösung die Selbsterkenntnis ist. Aber sich selbst zu erkennen, ist schließlich die Aufgabe eines ganzen Lebens, danach strebt der Mensch sein ganzes Dasein lang. Die Heiligen Väter offenbaren die Bedeutung dieses Ausspruchs, indem sie sagen, dass, bis zu dem Moment, an dem du erkennst, wer du bist, bis du selbst das Bild Gottes in dir entdeckst, bis du, unter Erdenbürgern lebend, fühlst, dass du ein Bewohner des Himmels bist und von"fremden Bürger" versklavt bist, bis du, im Schmutz der eigenen Seele lebend, das Abbild Gottes in sich selbst nicht erkennst, bis dahin hast du noch nicht den Weg der Erlösung betreten, Deine Erlösung noch nicht begonnen. Es beginnt mit dem Moment, an dem ich meine göttliche Natur erkenne.

So war es mit dem verlorenen Sohn. In einem Moment fühlte er, dass es ein anderes Leben gibt, im Vater und mit dem Vater. Er fühlte, dass er versklavt in einem fremden Land lebt und kein wahres, wirkliches Leben besitzt. Ausgehend von der Erkenntnis seiner selbst widerspricht in sich selbst der Mensch, der diesen Weg weitergeht, dem, was ihn vom Abbild Gottes unterscheidet, da es mit Geschwüren der Sünde bedeckt ist, und dem, was er als Mensch durch fremde Bräuche zum Verderben seiner Seele eingeführt hat: „Ich geriet in die Knechtschaft der Menschen, der fremden, und zum Lande des Verderbens bin ich gewandert, und Schande hat mich erfüllt …“, heißt es im Gottesdienst dieses Tages. Und von diesem Moment an beginnt er nach dem Leben in Gott zu dürsten und sich im Namen des Abbildes Gottes von den Geschwüren der Sünde zu reinigen.

Ein Mönch kam zu dem großen Asketen, dem heiligen Antonius, und begann ihn zu bitten, ihm zu vergeben und ihm gnädig zu sein. Antonius antwortete ihm: "Weder ich noch Gott werden sich deiner erbarmen, wenn du dich nicht deiner selbst erbarmst."

Auf den ersten Blick erscheint diese Antwort seltsam. Wie das? Auch für das spirituelle Leben ist dies die größte Wahrheit. Bis ich selbst nicht das Abbild Gottes in mir vergegenwärtige, erbarme ich mich selbst auch nicht dieser Person, die im Abgrund der Sünde liegt, aber trotzdem ein Abbild Gottes ist. Bis dahin, dass ich mich selbst der Schöpfung Gottes in mir nicht erbarme, mein Gewissen will sich nicht über den Sünder, den Schändlichen, den Unzüchtigen erbarmen, bis dahin ist auch Gott mir nicht gnädig, bis dahin ist auch mein Gebet vergebens.

Das ist der Zustand des verlorenen Sohnes, der gesehen hat, wie schlecht er lebt und wie gut nicht nur die Söhne, sondern sogar die Tagelöhner seines Vaters leben. Das ist der Zustand der Gnade. Er hatte Erbarmen mit sich selbst, ging dann zu Gott und begann Ihn, um Gnade zu bitten.

Unsere Arbeit während der Großen Fastenzeit besteht darin, um Verzeihung zu bitten. Wir werden die ganze Zeit rufen: "Erbarme dich meiner, Gott, erbarme dich meiner." Aber in dieser auf das Fasten vorbereitenden Woche müssen wir aus der patristischen Erfahrung das schöpfen, was sie uns schenkt, sonst sind unsere Bitten um Gnade vergeblich. Wir müssen in uns das Bild Gottes erkennen, die Reste der göttlichen Schönheit, die in uns sind, wenn auch verzerrt, und vor allem müssen wir Erbarmen mit uns selbst haben, verstehen, wer wir im Leben und wer wir als Geschöpf sind.

Im Leben sind wir Sünder, leben in einem „fernen Land“ und vergessen ständig Gott, aber als Geschöpf sind wir „das Abbild der unaussprechlichen Herrlichkeit Gottes“ und nur in Ihm leben wir, nur in Ihm finden wir unsere Erlösung.

Und es ist dieser Gegensatz in sich selbst als Geschöpf und als Lebewesen, der in einem bestimmten Moment den Zustand des Erbarmens mit sich selbst schenkt. Das ist die Bedeutung der Worte des Abba Antonius. Und wenn wir irgendwann in unserem Leben Erbarmen mit uns selbst haben und den Gegensatz zwischen uns selbst als Geschöpf und als Lebewesen spüren, dann können wir wie der verlorene Sohn zu Gott gehen und um Gnade bitten. Aber auch in diesem Zusammenhang müssen wir für Gott arbeiten, aber wir vergessen ständig, auch in unserem Dienst für Gott, wofür wir das alles tun müssen.

Ein Abba definierte geistliche Arbeit, als man sich zur Erbauung an ihn wandte, folgendermaßen: „Als wir in einer Skit lebten, war die Beschäftigung mit der Seele unsere eigentliche Tätigkeit, und die Handarbeit war unser Nebenerwerb, aber jetzt ist die Handarbeit ein echtes Geschäft geworden, und die Arbeit an der Seele ist nur unsere Nebenbeschäftigung.“

Wir erinnern uns also bei unseren verschiedenen Beschäftigungen nicht an das, woran wir uns erinnern sollten. Wir vergessen, dass wir das Abbild Gottes in uns selbst wiederherstellen müssen, dass unsere einzige Aufgabe auf Erden darin besteht, dass wir als Erdenbürger Bewohner des Himmels werden müssen. Aber wir denken, dass wir durch diese oder jene gute Tat gerettet werden können: in die Kirche gehen, Almosen geben usw. Aber all dies ist nur eine Nebenbeschäftigung im Vergleich zur eigentlichen Arbeit: der Reinigung der Seele, der Buße.

Wenn der verlorene Sohn tatsächlich Taten vorzuweisen hatte, so erwarb er diese nicht auf der Grundlage der Reue, nicht im Bewusstsein seiner Nichtigkeit vor Gott, sondern aus Hochmut.

Wir müssen wissen, dass wir, wenn wir den Weg Christi gehen wollen, uns daran erinnern müssen, wer wir als Lebewesen und wer wir als Geschöpf sind, warum wir in dieses Leben berufen wurden und was wir im gegenwärtigen Moment darstellen. Und wenn vor unseren Augen immer die Schöpfung Gottes sein wird, "das Abbild Gottes unaussprechlicher Herrlichkeit", dann werden wir uns unser selbst erbarmen. Das bedeutet nicht, dass wir stolz sein, uns selbst vergeben, uns entschuldigen werden, aber wir werden in uns den unbeschreiblichen Tempel der Herrlichkeit Gottes sehen, wir werden die ganze Freude des Lebens in Gott spüren und den Schmutz spüren, in dem wir leben. Dann werden wir zu Gott kommen und ihn wie der verlorene Sohn bitten: „Nimm mich unter deine Tagelöhner auf“ (Lukas 15, 19). Akzeptiere mich, ich will mit Dir leben, in Dir.

Und wenn wir in einem solchen Zustand kommen, werden wir wie der verlorene Sohn Verzeihung empfangen.

Und dieser Sonntag, der uns vom Zöllner zum verlorenen Sohn führt, offenbart nicht nur die Seite der Annäherung des Menschen an Gott, sondern auch die andere Seite Gottes Annäherung an den Menschen.

Schon von weitem sah Gott ihn, den reuigen Sünder, eilt selbst auf ihn zu und kleidet ihn selbst in die ersten, unvergänglichen Kleider, die Kleider der Schöpfung, kleidet das Geschöpf, das diese Kleidung verdorben hat, und, wie es im Großen Bußkanon heißt, „nackt daliegt und sich nicht schämt“, neu ein. Dann befahl er, das Kalb zu schlachten, und freute sich selbst mit seinem reumütigen Sohn.

Nicht umsonst führt uns die Heilige Kirche durch diese Zustände, es gibt keinen anderen Weg. Nur wenn wir das Abbild Gottes in uns selbst erkennen und uns über uns erbarmen, können wir, nachdem wir zu Gott gekommen sind, hoffen, dass er uns annimmt und uns unser erstes Gewand wieder gibt, das er uns vor Anbeginn der Zeit gegeben hatte. Amen.

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