Ein gesegnetes Fest der Begegnung des Herrn

14. Februar 2024

Patriarch Kirill

Predigt Seiner Heiligkeit Patriarch Kirill am Fest der Begegnung des Herrn nach der Göttlichen Liturgie in der Christus-Erlöser-Kathedrale

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Wir feiern heute eines der zwölf Hochfeste des Jahreskreises, das Fest der Begegnung des Herrn. Obwohl es zu Ehren der Begegnung des Herrn mit dem alttestamentlichen Gerechten Simeon und der Prophetin Anna eingeführt wurde, ist dieses Fest zugleich der Allheiligen Gottesgebärerin gewidmet.

Nach alttestamentlichem Brauch sollte am vierzigsten Tag nach der Geburt jedes erstgeborene männliche Kind Gott geweiht werden. Dieser Ritus fand im Jerusalemer Tempel statt. Die Mütter brachten ihre erstgeborenen Kinder dahin, um sie Gott zu weihen, aber als Zeichen dieser Weihe brachten sie Opfer dar, so viel sie konnten. Die reicheren Leute schlachteten Kälber und Schafe, die Armen brachten Tauben und Turteltauben. Mit diesen Vögeln kam die Jungfrau Maria in den Tempel in Jerusalem, um Gott ihr Erstgeborenes zu weihen und ihm zu opfern, was sie opfern konnte.

Der Gerechte Simeon war der Überlieferung zufolge der Mann, der an der Übersetzung der Bibel vom Hebräischen ins Griechische beteiligt war. Diese ist in der Wissenschaft als Septuaginta bekannt, die Übersetzung der siebzig Übersetzer. Und die Kirche bewahrt das Andenken an Simeon als einen dieser Übersetzer. Die Übersetzung wurde im dritten Jahrhundert vor Christus angefertigt. Und als Simeon die berühmten Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja übersetzte: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären (Jesaja 7,14), zweifelte er und beschloss, den Text zu bereinigen. Er nahm ein Messer, um diese Worte aus dem Text zu entfernen, aber er wurde von der Macht Gottes aufgehalten und erhielt den Hinweis, dass er nicht eher sterben würde, bis er mit eigenen Augen sehen würde, woran er zweifelte (siehe: Lukas 2,26).

Er war sehr alt, er muss des Lebens müde gewesen sein, er lebte im Tempel von Jerusalem, und als die Jungfrau Maria in den Tempel von Jerusalem kam, ging er, bewegt vom Heiligen Geist, ihr entgegen. Und er sprach jene wunderbaren Worte, die zu unserem Abendgebet geworden sind: "Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, ...” (Lk 2,29-32) Und an die Jungfrau Maria gerichtet, sprach er weitere prophetische Worte: "Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen." (Lk. 2,34-35) Erstaunliche Worte, die sich sowohl im irdischen Leben des Erlösers als auch nach seiner Auferstehung vollständig erfüllten. Er wurde zum Gegenstand von Kontroversen. Und die einen, die den Erlöser annahmen, standen mit ihm auf, während die anderen, die ihn ablehnten, fielen. Dieses Aufstehen und Abfallen dauert bis zum heutigen Tag an. Und Simeons Prophezeiung erfüllt sich im heutigen Leben ebenso wie in alten Zeiten.

Wie kommt es zu solch einem scheinbar seltsamen Phänomen? Gott kam in die Welt, wurde Mensch, erwies viele Wunder, stand von den Toten auf, gründete die Kirche, die die Pforten der Hölle nicht überwinden können. Und doch nehmen viele Menschen den Erlöser nicht an, glauben nicht an die offensichtliche Tatsache der Auferstehung, erkennen nicht die geheimnisvolle Kraft des Wirkens des Heiligen Geistes im Leben der Kirche und bleiben unempfänglich für die Verkündigung der Kirche. Wie die Schar derer, die die Worte des Erlösers nicht einfach nur annahmen, sondern mit Ihm auferstanden sind, und dies im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn, indem sie durch viele Leiden den Glauben bekräftigten, dass der von der Jungfrau Maria Geborene der Sohn Gottes und der Retter der Welt ist. Dieses Bekenntnis war nie einfach: nicht zu Beginn der Existenz der Kirche, nicht im Laufe der Geschichte und nicht in unserer Zeit. Aber durch dieses Bekenntnis stehen wir mit Christus auf und werden zum ewigen Leben ins Reich Gottes erhoben.

Aber warum ist dann dieses Fest ein Fest der Gottesgebärerin? Weil wir in den Worten, die an die Jungfrau Maria gerichtet sind, die biblische Bestätigung unseres Glaubens darin finden, dass sie wahrhaftig unsere Fürsprecherin, unsere Fürbitterin ist: "Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen." (Lk 2,35) Eine Waffe fuhr durch ihre Seele, eine schreckliche Waffe - das Erleben der Qualen und des Todes ihres einzigen Sohnes. Das Herz der Mutter muss von diesem schrecklichen Schmerz zerrissen worden sein, vergleichbar mit dem körperlichen Schmerz des gekreuzigten Erlösers. Aber dieser schreckliche Schmerz, diese Waffe, gab ihr die große Kraft, die Gedanken vieler Herzen zu erkennen. Auch heute erhört sie die Gebete eines jeden von uns, der sich mit Glauben, Hoffnung und geistiger Kraft an sie wendet. Sie sieht unsere Gedanken, sie sieht unser Inneres, sie weiß, was wir wirklich brauchen und was nicht. Durch dieses schreckliche Leiden hat sich ihre Sichtweise verändert, die nun die ganze Menschheit, die ganze Kirche einschließt. Deshalb nennen wir sie die Mutter Gottes und die Mutter aller Gläubigen, die Mutter der Kirche. Und heute denken wir vor allem an sie, an ihre Askese, an ihren Glauben, an ihre Demut, an ihre Liebe, an ihre Einsicht in unsere Gedanken.

In diesem Sinne nimmt das Fest der Begegnung einen ganz besonderen Platz im Kreis der kirchlichen Feste ein. Es war eines der allerersten Feste der Kirche, eines der ältesten. Bereits im 4. Jahrhundert gibt es Predigten großer Heiliger, die diesem Tag gewidmet sind: Methodios von Patara, Kyrill von Jerusalem, Gregor der Theologe, Gregor von Nyssa, Johannes Chrysostomus. Dies zeigt, dass sich die Kirche von alters her zu Ehren dieses Ereignisses zum Gebet versammelt und diesen Tag auf besondere Weise feiert. Aber die Umstände der liturgischen Feier des Festes begann sich seit dem VI Jahrhundert zu verändern. Im Jahr 544 ereignete sich in Antiochia ein schreckliches Erdbeben, und danach brach in diesem Teil des byzantinischen Reiches eine Pestepidemie aus. Jeden Tag starben Tausende von Menschen, und dann befahl der fromme Kaiser Justinian, am Tag der Begegnung des Herrn eine große Prozession zu veranstalten und diesen Tag feierlich zu begehen. Daraufhin war die Seuche beendet. Dieses Ereignis, das an die Worte des greisen Simeon erinnert: "Die Gedanken vieler Menschen werden offenbar" - das heißt, die Herzen der Menschen werden dir geöffnet, mit ihrem Schmerz und ihren Leiden - hat in der Kirchengeschichte die Feier der Begegnung des Herrn als eines der zwölf Hochfeste zu Ehren der Gottesmutter etabliert.

Wenn wir uns an diese Ereignisse erinnern, sollten wir darüber nachdenken, was mit uns geschieht. Gehören wir zu denen, die mit Christus auferstehen, oder zu denen, für die Er ein Stein des Anstoßes ist? Wir müssen auch darüber nachdenken, ob wir stark genug an die Fürsprache der Mutter Gottes glauben, die durch ihr Leiden wirklich unseren Kummer und unseren Schmerz sehen und unsere Gebete erhören kann. Und möge dieses Fest uns dazu bewegen, das heilige Gedenken an dieses Ereignis noch sorgfältiger zu bewahren, wie auch an die Askese der Gottesmutter, durch die sie die Kraft gefunden hat, die Beschützerin und Fürbitterin für uns alle zu sein.

Amen.

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