Predigt am Sonntag nach Kreuzerhöhung

1. Oktober 2023

“Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommt.” (Mk 8, 38)

Der himmlische Vater richtet niemanden, sondern hat das gesamte Gericht Seinem Sohn übertragen. Seht, wie wunderbar sein Urteil ist. Wie treu und streng er ist! Denn Strafe und Verbrechen werden nach demselben Maß gemessen. Wenn sich jemand für Christus schämt - dies ist das Verbrechen. Dessen wird sich Christus schämen - das ist die Strafe. Aber wie nachsichtig ist gleichzeitig dieses Urteil! So sehr der kühne Diener den Herrn der Herrlichkeit vor seinen Augen demütigt, in dem Maße wird der Herr der Herrlichkeit den kühnen Diener vor Sich Selbst demütigen: „Wer sich Meiner schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen.“

Aber wie auch immer uns in diesem Fall der Oberste Richter erscheinen mag, sei es streng, um uns einzuschüchtern, oder angsteinflößend, um uns vor Verbrechen und Verdammnis zu bewahren, sei es nachsichtig, um uns zu beschämen, oder sei es durch die Scham des Erlösers, um die Scham des Gesetzesübertreters zu verhüten. Es scheint, dass das Verbrechen selbst, über das das Urteil verkündet wird, in uns den ganzen Schrecken der Abschau und die volle Aufmerksamkeit der Besonnenheit hervorrufen kann. Wie? Wird es Menschen geben, die denken, dass der Menschensohn und Seine Worte, also Christus und das Christentum, sie beschämen werden? „Leider besteht daran kein Zweifel. Es wird das eintreffen, was die Wahrheit vorhersagt. Der allwissende Richter würde keine Strafe aussprechen, wenn er das Verbrechen nicht vorhergesehen hätte.

Damit sich unser Herr eines Tages nicht für uns Christen schämt, müssen wir vorsorglich sorgfältig darüber nachdenken, was es bedeutet, sich „des Menschensohnes und seiner Worte zu schämen“ und wie man diesem Fehlverhalten verfallen kann.

“Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommt.”

Man schämt sich normalerweise für das Unreine, Niedrige und Verächtliche. Wie kann man sich für Jesus Christus schämen, den Allreinen, Erhabenen, Verherrlichten? Was bedeutet es in diesem Fall, sich zu „schämen“?

Um die Bedeutung dieses Wortes im Mund Jesu Christi zu bestimmen, ist es notwendig, sich daran zu erinnern, was er zuvor über das Kreuz gesagt hat. „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mk 8,34). Aber was war das Kreuz in den Augen der Menschen, bevor der Kreuzestod und die Auferstehung unseres Erlösers es durch Seine innere Umdeutung als majestätisch und durch Seine äußere Umdeutung zugleich als heilig darstellten? Es war ein Hinrichtungsinstrument für die zum Tode Verurteilten und unter diesen Verurteilten besonders für Sklaven oder für Menschen, die sowohl der Bestrafung als auch der Entehrung würdig waren.

Daher ist es wahrscheinlich, dass Menschen, die es gewohnt sind, Dinge gemäß der öffentlichen Meinung zu bewerten, nachdem sie die Lehre vom Kreuz gehört hatten, sofort darüber nachdachten, wie schwierig es ist, diesem Lehrer zu folgen, der Sich und Seine Schüler auf so eine ungewöhnliche Schmach vorbereitet. Es war offensichtlich so, dass sich zu dieser Zeit Männer mit besonderer Gelehrsamkeit und gutem Geschmack schämten, auch nur unter den Zuhörern eines solchen Meisters zu stehen, der eine so seltsame Lehre verbreitete. Auf diese Gedanken und Gefühle antwortet der Lehrer, der das Herz eines Jeden erforscht: “Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommt.”

Daraus kann man schließen, dass „sich des Menschensohns schämen“ definitiv bedeutet, sich für Jesus Christus zu schämen, und zwar als den Gekreuzigten; und dass, wenn man sich seiner „Worte“ schämt, man sich der Lehre vom Kreuz schämt. Eine Warnung vor dieser Scham war offensichtlich notwendig für die Zeiten, in denen Judentum und Heidentum vorherrschten und man sich, um den christlichen Glauben zu widerlegen und die Christen als verrückt verspottete, damit zufriedengab, zu sagen, sie glaubten an den Gekreuzigten. Als verrückt, sage ich, denn genau das sagt der Apostel: „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.“; „Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit,“ (1 Kor 1, 18-23); und deshalb hielt es derselbe Apostel für normal zu sagen, dass er sich dessen nicht schämte, anstatt zu erklären, dass er die Lehre Christi annahm, ihm glaubte und ihm gegenüber ehrfürchtig war: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen.“ (Röm 1, 16)...

Zweifellos spürt jeder wohlmeinende Christ die Bedeutung dieses Fehlverhaltens, wenn man es in seiner Gesamtheit betrachtet, und vielleicht denken einige, dass die bloße Schwere dieser Missetat ihnen die Angst nimmt, um nicht dieser Sünde zuverfallen. Es überrascht mich nicht, wenn wohlmeinende, aber im Christentum unerfahrene Menschen so denken. Dies dachte der Apostel Petrus, als er als Reaktion auf die Vorhersage Jesu Christi, dass alle Apostel in der nächsten Nacht über ihn beschämt sein werden und ihn verlassen würden, zum Herrn sagte: „Und wenn alle an dir Anstoß nehmen, ich niemals!“ (Mt 26,33). Und auch zur Vorhersage über seine dreifache Verleugnung Christi: „Und wenn ich mit dir sterben müsste, ich werde dich nie verleugnen.“ So dachten alle Apostel: „Das Gleiche sagten auch alle anderen Jünger.“ (Mt 26,35). Aber wir wissen, was in der nächsten Nacht geschah: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen“ (Mt 26,56). Und Petrus, der am wenigsten Angst vor dem Fall hatte, fiel noch tiefer als alle anderen. Warum ist das passiert? Aus der Tatsache, dass Petrus keine Angst davor hatte, so tief zu fallen. Wenn einer der offenkundigen und starken Feinde Christi Petrus angegriffen hätte, hätte er die Gefahr erkannt und sich mit Mut gerüstet. Hätten sie ihm direkt gesagt: „Verlass Christus“, wäre er über dieses Verbrechen entsetzt gewesen und hätte vielleicht genau in diesem Moment wirklich beschlossen, im treuen Bekenntnis zu dem zum Tode verurteilten Jesus bis zum eigenen Tode zu stehen. Statt dessen „trat eine Magd zu ihm und sagte: Auch du warst mit diesem Jesus aus Galiläa zusammen.“ (Matthäus 26,69). Petrus dachte vielleicht, dass es sich nicht lohnt, mit einem Menschen, der so weit von diesen Geheimnissen entfernt ist, über Christus zu sprechen, und dass dies bedeuten würde, Perlen vor die Säue zu werfen. Anscheinend versuchte er nur, sie zum Schweigen zu bringen. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“ (Mt 26,70) und sagte ihr: “Ich verstehe dich nicht.” Er bemerkte nicht, wie sich die den Apostel beschämende Schmach des Menschensohnes ins Herz des Apostels eingeschlichen hatte. Die Versuchung wurde nun erneut und stärker wiederholt: Eine andere Sklavin sagte über ihn: “Der war mit Jesus aus Nazaret zusammen.”(Mt 26,71) Es war notwendig, die Zurückweisung zu verstärken. Und Petrus antwortete mit einem Schwur: “Ich kenne den Menschen nicht.” (Mt 26,72). So verwandelte sich die Vermeidung, über Jesus zu sprechen, auf subtile Weise in eine Verleugnung seiner Person. Eine weitere Versuchung und der Beweis, und Petrus begann „sich zu verfluchen und schwor: Ich kenne den Menschen nicht.“ (Mt 26,74), das heißt, ihn mit aller Kraft zu verleugnen. Die Vorsehung Gottes ließ diesen plötzlichen und tiefen Sturz des Petrus, um den er bitter trauerte, nicht nur als seine Prüfung zu, sondern auch als Belehrung für alle Christen. Er stolperte und fiel, damit wir lernen können, vorsichtig auf dem Weg der Erlösung zu gehen. „Wer also zu stehen meint, der gebe Acht, dass er nicht fällt.“ (1 Kor 10, 12). Wenn wir glauben, dass wir uns dazu entschließen können, unser Leben für Christus zu opfern, wenn es nötig sei, dann sollen wir uns nichtin dieser trügerischen Sicherheit wiegen, sondern sollen wie Petrus sorgfältig auf uns selbst achten, wie wir in jenen Fällen auftreten, wo für das unveränderliche Bekenntnis zu Christus etwas weitaus weniger Wichtiges als das Leben geopfert werden muss.

Ein Sklave der Eitelkeit und der auf nichts Gutem gegründeten Sitten, der in der Welt Bildung oder Menschlichkeit genannt wird (als ob die Menschen ohne sie keine Menschen wären und kein Bild hätten), kommt und sagt zu dem Menschen, der ein Nachfolger des gekreuzigten Jesus sein will: Willst du wirklich den Weg so vieler vernünftiger, einsichtiger, starker, reicher, ehrenhafter, liebenswürdiger Menschen verlassen, deren Lebensweise für sie sowohl angenehm ist, wie sie auch allgemein anerkannt wird? Willst du dir Vergnügungen und einige Freiheiten versagen, die fast überall als unschuldig gelten? Willst du es wagen, in den Augen der Welt ein Fremder zu sein und im Widerspruch zur Gesellschaft stehen? Willst du dich mit Heldentaten quälen, dich mit Fasten umbringen, dich mit Entbehrungen erschöpfen, die bei den meisten Einsiedlern die Folge einer übermäßigen, vielleicht sogar unvernünftigen Eifersucht sind? Wer von denjenigen, die dem Weg Christi folgen wollen, hört nicht solche Reden? Wem kommen nicht manchmal solche Gedanken? Was sollen wir, Christen, dazu sagen? Es scheint, dass es hier nicht darum geht, Christus zu verleugnen; wir sollen nur durch den Verdacht beschämt werden, "ob wir nicht auch mit Jesus von Galiläa zusammen waren", oder ob wir statt eines weltlichen Abends nicht mit ihm bei seiner nächtlichen Nachtwache im Garten Gethsemane sein wollen, wo er selbst mit Schmerz und Kummer ein schmerzliches, aber völlig freies und freudiges Opfer seines Willens darbrachte. Nein", sagen manche in heimlichen Gedanken, "ich verstehe überhaupt nicht, was es heißt, im Garten Gethsemane zu sein; ich kenne und will auch nur ein solches Christentum kennen, das tröstet, und nicht ein solches, das lehrt, sich zu opfern, zu leiden und auf irgendeine unbegreifliche Weise sich selbst zu sterben: 'Ich weiß nicht, wovon du redest.” Ach, hüte dich, der du deine Seele retten willst! Wenn du das sagst, bist du nicht mehr ein Nachfolger Jesu, der die Gefallenen aufrichtet, sondern des gefallenen Petrus. Wenn du jetzt von deiner Verleugnung der Welt und von dir selbst, von deiner Teilnahme an den Leiden Christi und vom Wort des Kreuzes gesagt hast: "Ich weiß nicht, wovon du redest", kannst du dann sicher sein, dass du nicht bald von Christus selbst sagen wirst: "Ich kenne den Menschen nicht"?

Gehen wir in eine der üblichen Versammlungen, in ein Haus oder "in die Vorhöfe" (Mk 14,68); suchen wir nach Christen unter den Söhnen dieses Zeitalters; lauschen wir den Gesprächen. Sofort werden wir Schmeicheleien hören, Bosheit, die Stimme der Eitelkeit und des Eigennutzes, leichtsinniges Lachen sowie Schreie der Ungeduld, Urteile über alles, was sie wissen und nicht verstehen. Aber werden wir ein Gespräch finden, und im Gespräch einen Menschen, der offen sprechen würde, und dessen Worte gewürzt wären mit dem Salz der Weisheit aus dem Evangelium, der mit den Kindern des Fleisches über die Seele spricht und die Söhne dieses Zeitalters an die Ewigkeit erinnert? Warum sprechen die Christen so selten in ihrer christlichen Sprache? Sie fürchten, als Christen erkannt zu werden, damit die Söhne dieses Zeitalters nicht mit ihnen streiten, damit ihnen nicht gesagt wird: "Wirklich, auch ihr gehört zu ihnen, eure Mundart verrät euch." (Mt 26,73). Und so lauern sie und schweigen; - und merken nicht, dass sie sich des Menschensohnes schämen und dass ihr Schweigen der Welt manchmal ganz deutlich von Jesus erzählt: "Ich kenne den Menschen nicht"!

Anhand dieser Beispiele kann jeder selbst verschiedene Fälle aus seinem Leben aufzeigen, in denen wir mehr oder weniger in die Gefahr kommen, uns des Menschensohnes zu schämen oder ihn ganz zu verleugnen. Sei umsichtig, Christ, und versuche, rechtzeitig zu bemerken, wo der Feind deines Heils dir in der Nachfolge Jesu Christi Hindernisse in den Weg legt, damit du sie entweder vorsichtig umgehst oder mutig zerstörst. Hätte Petrus doch nicht den Hof der Hohepriester betreten und sich auf diese Weise der Gefahr genähert und, als er hineinging, dann sollte er sich nicht so weit von dem zurückziehen, dem er so eng nachfolgen wollte. Und du, Christ, nähere dich nicht, wenn du kannst, Menschen, die die Schamlosigkeit haben, dich mit dem zu beschämen, was deine Ehre ausmacht; oder, wenn es nötig ist, dich ihnen zu nähern, dann "sollst du Seine Gebote vor Königen bezeugen” und dich nicht schämen." (vgl. Ps 119,46). Zeige nicht dein Werk der Frömmigkeit, verkünde nicht dein Wort des Heils, wenn dich nicht die Pflicht dazu nötigt, oder die Ehre deines Erlösers dich nicht dazu auffordert, damit du nicht in Heuchelei oder Prahlerei verfällst. Verzichte aber nicht auf ein gottgefälliges Werk, nur weil es der Welt fremd erscheint; und wenn sie dich von der Teilnahme an den Schmerzen, Leiden und Schmähungen des gekreuzigten Jesus trennen wollen, so sage mit edler Festigkeit: "Ich kenne den Menschen", und ich will mit Ihm leben und sterben, damit ich auch nach dem Tod mit Ihm als meinem Heiland und Gott lebe. Schämt euch nicht, wenn euch durch das Kreuz Christi "das ehebrecherische und sündige Geschlecht" beschämen will, damit ihr euch nicht schämt "vor den heiligen Engeln, vor dem Menschensohn in seiner Herrlichkeit und vor seinem Vater im Himmel", sondern damit ihr in die Herrlichkeit dessen eingeht, dem die Herrlichkeit gehört von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

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