Kapitel 3: Hier ist meine Seele Teil 30

18. June 2024

Das Buch von Erzpriester Andrej Lemeschonok

Worin kann unsere Askese bestehen?

Wir schlagen geistliche Bücher auf und lesen heilige Worte, aber diese Worte wecken in uns Zweifel, weil sie ohne Demut gelesen werden. Wir versuchen, diese Worte auf unser Leben anzuwenden, und es gelingt uns nicht. Wir sehen, dass wir zu einer solchen Askese, zu diesem erstaunlich schönen Leben, nicht fähig sind, und wir werden entmutigt.

Es ist sehr wichtig, dass wir uns nicht mit irgendjemandem vergleichen, sondern dass wir Gottes Willen für uns selbst suchen, denn jeder von uns hat seine eigenen Gaben, seine eigenen Talente, und diese sollten entwickelt werden, sie sollten nicht in der Erde vergraben werden. Jeder von uns kann Gott dienen.

Es ist nicht notwendig, Mönch, Priester oder ein strenger Asket zu sein, denn Gott zu dienen ist das ganze Leben eines Christen. “Alles was Odem hat, lobe den Herrn” (Ps 150,6), “an jedem Ort seiner Herrschaft! Lobe den Herrn, meine Seele!” (Ps 103,22).

Wir müssen innehalten, ruhig und nüchtern unser Leben betrachten, die Umstände, in denen wir leben, und Gott bitten, uns zu offenbaren, worin unsere Askese liegen könnte.

Wir werden von Gott privatisiert

Das ewige Leben ist kein Privateigentum,sondern Gemeinschaft, bei der alles Gott gehört. Gott, so könnte man sagen,enteignet unser ganzes Leben. Alles, selbst ein Haar auf meinem Kopf, gehört nicht mir, meine Stimme gehört nicht mir, nichts gehört mir, sondern alles, was ich habe, gehört Gott.

Der Mensch ist daran gewöhnt: das ist meins, das ist deins, lasst uns teilen, lasst uns streiten, und jeder fordert seins ein. Aber für einen Gläubigen gilt: "Der Tag hat begonnen. Schenke mir, Herr, was ich benötige".

Wie können wir unser ganzes Leben zu einer Liturgie machen, zu einer Danksagung? "Lasst uns alle weltlichen Sorgen beiseitelegen, denn wir wollen den König aller erheben." Und es ist möglich. Denn die Heiligen waren Menschen wie wir, aber irgendwann haben sie beschlossen, nur noch für Gott zu leben, und sie haben es auch geschafft. Was für ein harter Weg für jeden Heiligen, was für Prüfungen! Aber was für eine Belohnung!

Wir haben nichts, was wir Gott geben könnten: Wir haben nichts, was wir haben, nur den Wunsch. “Zeig mir den Weg, den ich gehen soll; denn ich erhebe meine Seele zu dir.” (Ps 143,8) Und das ist nicht nur ein vorübergehender Impuls, eine Idee, sondern es ist ein ständiger Zwang, sich in jeder Situation daran zu erinnern, dass Christus in unserer Mitte ist. In jedem Augenblick unseres Lebens müssen wir uns die Frage stellen: Ist das, was wir tun, wirklich gottgefällig? Dienen wir Gott in diesem Moment wirklich oder haben wir uns von ihm abgewandt? Es ist eine ständige Selbstbeobachtung. Es ist harte Arbeit. Und wir müssen uns gegenseitig in dem Wunsch unterstützen, schön zu leben, gottgemäß.

Ein klein wenig und nochmal ein wenig

Wenn wir uns kleine Aufgaben stellen, werden wir allmählich sehen, dass Gott uns in unseren Wünschen, in unseren guten Absichten hilft. Heute werde ich niemanden verurteilen, ich werde nur danken.

Und morgen werde ich alle bemitleiden und niemanden verurteilen, und übermorgen werde ich....

Wir sollten versuchen, wenigstens eine kleine Sache zu tun, und nicht sagen, dass alles schlecht ist und wir nichts in Ordnung bringen werden. “Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen …” (Lk 16,10).

Manchmal soll man seine Gebetsregel erfüllen, ist aber müde. Da braucht man nicht zu denken: "Oh, es gibt so viel zu lesen, und meine Augen sind schon müde", sondern man sollte sich sagen: "Ich lese ein bisschen, und dann schauen wir weiter." Man fängt an und liest ein wenig, und schon ist die Hälfte der Regel geschafft, aber dann ist nicht mehr so schlimm, auch noch bis zu Ende zu lesen.

Man sollte auf diese Weise sein Leben ordnen und zumindest etwas tun, wenn auch nur einen kleinen Schritt, aber stets vorwärts.

Heiligkeit

Heiligkeit - was verbirgt sich hinter diesem Begriff? Was ist dieser besondere Zustand? Wer ist ein Heiliger? Vielleicht wurde er unter besonderen Bedingungen geboren, in einer anderen Welt, und es gibt etwas Besonderes an ihm?

Heiligkeit ist das Werk des Geistes Gottes im Menschen, es ist die Heiligung des Menschen durch die Liebe Christi, wenn der Mensch sich nicht mit seiner Sünde versteckt, sich nicht verbirgt, sondern zum Licht der Liebe geht, und dieses Licht zum Ziel und Sinn seines Lebens wird. Dies ist der natürliche Zustand eines Menschen, der ins Himmelreich geht.

Heiligkeit ist kein Grund für Stolz, kein Grund für einen Menschen, sich zu rühmen, dass Gott ihn mehr liebt als jeden anderen. Es ist ein Zustand der Seele, die darunter leidet, dass sie der Liebe Gottes unwürdig ist, und unter der Schuld vor ihren Nächsten. Und je mehr diese Liebe auf einen Menschen ausgegossen wird, desto mehr wird seine Seele von seiner Sünde gequält. Und nicht jeder kann diesen Kummer, diesen Schmerz ertragen. Deshalb schenkt der Herr vielen Menschen keine große Gnade, denn sie würde ihr Fassungsvermögen übersteigen.

Das Ziel des Lebens eines orthodoxen Menschen ist es, den Heiligen Geist zu empfangen. Der Heilige Geist ist Gott, und die Suche nach Gott, das Sammeln der Gnade Gottes, die Liebe Gottes im eigenen Herzen ist eine Arbeit, auf die man sein ganzes Leben verwenden muss. Archimandrit Sofronij (Sacharow) sagte, dass das Ziel unseres Lebens und der Plan des Schöpfers für jeden von uns die Heiligkeit ist. Wir sollen in das Heiligtum eintreten, geheiligt werden, aber dafür müssen wir hart arbeiten.

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