Die Gebote Christi halten

2. März 2024

Prof. Alexej Iljitsch Osipow

Das Schlimmste, was in der Seele eines Menschen passieren kann, ist, wenn sich dort das Gefühl der eigenen Rechtschaffenheit breitmacht. Das ist dann das Ende! Der Mensch ist auf dem Weg in sein Verderben. Deshalb wiederholt Christus immer wieder: „Wehe euch ihr Heuchler, Schriftgelehrte und Pharisäer.“ Das Wesen des orthodoxen Christentums besteht nämlich nicht in der gesetzestreuen Erfüllung der äußerlichen kirchlichen Vorschriften. Hier besteht für den Menschen eine große Gefahr: Er kann sich nämlich auf sich selbst etwas einbilden und sich so von einem Sünder in einen wahren Satan und einen richtigen Teufel verwandeln.

Rechtes, christlich-orthodoxes Leben besteht vielmehr in dem Entschluss, nicht einfach nach den kirchlichen Vorschriften zu leben, sondern nach den Geboten des Evangeliums. „Wer meine Gebote kennt und sie hält, der ist es, der mich liebt“ – sagt der Herr.

Worauf nun legt das Evangelium besonderen Wert? Erinnern Sie sich an das bemerkenswerte Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer? Der Pharisäer („der Rechtschaffende!“) betritt den Tempel, stellt sich ganz nach vorn und meint: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin, wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner da“. – und weiter beginnt er seine Tugenden vor Gott aufzuzählen. „Der Zöllner dagegen stand von Ferne, wollte auch seine Augen nicht aufheben gen Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig!“ Wie nun endet dieses Gleichnis? Christus sagt, dass der Zöllner gerechtfertigt aus dem Tempel herausgetreten ist, nicht aber der Pharisäer, der alle äußerlichen Forderungen des Gesetzes zwar erfüllt hat, dabei aber ganz von Stolz besessen war und an seiner eigenen Rechtschaffenheit keinerlei Zweifel hegte. Ist das nicht wirklich sehr interessant?

Natürlich hat Christus niemals davon gesprochen, dass man die kirchlichen Vorschriften nicht erfüllen müsse. Darum sollte man sich schon bemühen, denn auch Er selbst ist ihnen nachgekommen. Bei all dem jedoch hat Christus darauf hingewiesen, worauf es wirklich in erster Linie ankommt und was dann an zweiter Stelle steht und nur als Hilfe gedacht ist. Die Werke des Gesetzes nämlich sind nur als eine Hilfestellung zu verstehen. Deshalb ist eine Vermischung des Gesetzes mit den Geboten und sogar ihre Gleichsetzung ein grundlegender Fehler, der im Bereich der Spiritualität schwerwiegende Folgen hat.

Bedenken Sie das folgende, in der Geschichte der Religionen einzigartige und noch nie dagewesene Ereignis, von dem das Evangelium berichtet und das es sonst nirgendwo gegeben hat. Es geht um den Räuber, der zur rechten Seite Christi gekreuzigt worden ist. Um es mit heutigen Worten auszudrücken – um einen Banditen. Er jedoch war es, der als Erster ins Paradies gelangt ist. Für jede beliebige Religion kommt dies einer „Gotteslästerung“ gleich! Noch niemals hat es so etwas gegeben, dass ein Bandit, dessen Arme bis zum Ellenbogen mit Blut beschmiert sind, ins Paradies gelangt ist. Für welche Verdienste denn? Was hat er Gutes getan? Was für Tugenden kann er vorweisen? Nichts! Er hat selbst zugegeben, dass er zu Recht seine Strafe verdient hat, weil er nichts von dem erfüllt hat, was als Gesetz Gottes bezeichnet wird.

Gedenke meiner, O Herr, in Deinem Reiche!

Wie nun ist der Räuber ins Paradies gelangt? Er hat seine moralische Nichtigkeit und Sündhaftigkeit eingesehen und begriffen, dass es für ihn nie einen Platz im Paradies geben kann. Er hat von ganzer Seele Reue gezeigt und war darin voller Demut. In diesem seelischen Zustand hat er sich an Jesus gewandt: „Gedenke meiner, oh Herr, in deinem Reiche, in das ich wegen meiner Gesetzlosigkeit nie gelangen kann“. Und was für eine überraschende Antwort gibt ihm Christus: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein“. Hier eröffnet sich uns das Wesen des Christentums und seine Einzigartigkeit und – wenn Sie so wollen – sein direkter Widerspruch zu allen anderen Religionen der Welt! Es ist eine wahre „antireligiöse“ Religion!

Zu seinem Heil gelangt ein Mensch also, wenn er auf tiefe Weise seine eigene Sündhaftigkeit begreift, aufrichtig dafür Reue empfindet und voller Demut ist. Das ist das Einzige, was einen Menschen zu seinem Seelenheil gelangen lässt. Jener Bandit hatte all die Hässlichkeit seines Lebens begriffen und diese – wenn auch im letzten Moment seines Lebens – bereut. Dadurch hat er sich von all dem früheren Unflat, von all dem Blut, der Gewalt und den Morden, die er im Verlaufe seines Lebens begangen hat, rein gewaschen. Und deshalb hat Christus ihm geantwortet: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ – ohne durch ein Fegefeuer gehen zu müssen, nicht erst nach „drei“, „neun“ oder „vierzig Tagen“ – sondern heute!

Ein solcher Zustand der Seele sollte das Ziel des Lebens sein und für jeden Christen zugleich die Antwort auf die Frage: wie man heute leben sollte? Es geht hier nicht um die weltliche Seite des Lebens – darüber mögen andere sprechen – wir sprechen über das Christentum und über den einzigen geistigen Zustand der Seele, in dem ein Mensch in der Lage ist, das Reich Gottes zu empfangen, ohne ein weiteres Mal von Gott abzufallen. Darum also geht es, dazu also ist der Mensch berufen. Dies ist also das Ziel, welches einzig und allein die Tore zum Himmelreich zu öffnen vermag.

Diese auf den ersten Blick sehr einfache Sache erweist sich jedoch leider als unglaublich schwierig. Denn es ist schwer, sich selbst für schlechter zu halten als andere. Ich jedenfalls finde immer, dass ich besser bin als die anderen ... auf alle Fälle nicht schlechter – das ist schon mal klar. ...

Ja, natürlich habe auch ich so meine Sünden. Nun ja, aber wer ist schon ohne Sünde? Trotzdem bin ich ein guter Mensch. Ich bin generell ein feiner Kerl! Wenn ich mich zum Beispiel zu einer Vorlesung verspäte und frage, wer denn daran schuld sei, dann sind sich alle Studenten stets einig und antworten im Chor: „Nein, nein, nicht Sie Alexej Iljitsch!“ „Ihr seid wunderbar – antworte ich dann - so ist es recht. Ich sehe, ihr habt eine gute theologische Vorbildung. ...“

Überhaupt bin ich nie an etwas Schuld, immer haben die anderen es vermasselt. Ich doch nicht! Eines der auffälligsten Anzeichen für meinen spirituell „guten“ Zustand ist die Tatsache, dass ich ununterbrochen alle um mich herum schlecht mache und verurteile, besonders jene, denen einige Dinge besser gelingen als mir, die schlauer zu sein scheinen und begabter und die es zu etwas gebracht haben oder sogar Macht ausüben können ... Alle sollten sich lieber festhalten – ob nun ein Herr Putin oder Medwedjew, ob nun der Patriarch, die Bischöfe oder irgendwelche Beamten, überhaupt alle, die im Blickfeld der Öffentlichkeit stehen! Nur ich allein bin zu etwas nütze! (Natürlich sage ich das niemandem so direkt ins Gesicht). Oft hört man auf diese scherzhafte Beschreibung folgende Antwort: Ich möchte so erst einmal noch etwas weiterleben und werde dann später um Vergebung bitten. Es ist aber überhaupt nicht einfach, sich selbst zu durchschauen, um dann aufrichtig Reue zu empfinden. Doch was ist das für ein Unsinn, sich selbst über alle andere zu erhöhen! Was drückt sich darin aus? Es besagt, dass wir sehr weit entfernt sind vom Christentum und von dem, wie es uns gut täte zu leben.

Es sei jedem angeraten, sich um ein Leben nach den Geboten Christi zu bemühen, die jedoch in keiner Weise als Gesetze oder Befehle Gottes zu verstehen sind, sondern als seine Bitten an uns Menschen. „Versuch doch bitte, barmherzig zu sein zu den Menschen und großzügig über ihre Schwächen hinwegzusehen! Hilf doch bitte den Armen und tritt ihnen mit Achtung entgegen, betrüge niemanden und lüge oder heuchle nicht, sondern reinige deine Seele von jeglichem Unflat!“ Nach den Geboten des Evangeliums zu leben, bedeutet einfach, als normaler Mensch auf gesunde Weise zu leben. Und dazu ruft ja auch Gott den Menschen auf. So sind die Gebote also zu verstehen! Eben nicht als Befehle oder als ein Gesetz Gottes, für dessen Nichtbefolgung der Mensch bestraft wird.

Sünde ist deshalb all das, wodurch der Mensch seinem Körper und seinem Gewissen, seinen Beziehungen mit anderen und seinen Angelegenheiten usw. Schaden zufügt. Gott, der die Liebe ist, kann den Menschen davor nur warnen: Schau doch, tu dies nicht, wenn du selbst keinen Schaden erleiden möchtest! Du bist doch sicher nicht erpicht auf Krankheiten oder Leiden an Leib und Seele, dann tu nichts Schlechtes und übertrete nicht die Gesetze, nach denen beide funktionieren und die ich dir offenlege. Und so wie nicht ein Gesetz es verbietet, aus dem Fenster im dritten, fünften oder zehnten Stock zu springen, sondern die Lebensgefahr, die bei einer solchen Aktion besteht, so steht es ebenso mit dem Gebot Gottes bezüglich der Sünde. Durch sein Gebot warnt Gott den Menschen – und wenn Sie es so wollen – bittet er ihn: Sei kein Heuchler und kein listiger Schmeichler, strebe nicht nach Lob und Ehre oder Macht über andere, lüge nicht, stehle nicht und gib dich nicht der Unzucht hin usw. Andernfalls wirst du leiden müssen.

Das Christentum bezeichnet all das als Sünde, was für den Menschen nichts anderes ist als ein Anschlag auf seine Seele und seinen Körper. Die Sünde ist immer jener Schaden und jene Wunde, die der Mensch sich selbst zufügt. Und so, wie eine liebende Mutter und ein Vater ihr Kind vor Gefahren warnen, so tut dies auch Gott mit dem Menschen, denn Gott ist die Liebe. Nicht ein Gesetz und auch keine Drohgebärde Gottes, sondern die Stimme seiner Liebe hat uns aufgezeigt, was für uns gut und was für uns schlecht ist. Das also ist Sünde und das also sind die Gebote und so sind die „Strafen“ zu verstehen, denen wir in unserem Leben ausgesetzt sind. Nicht Gott bestraft uns, sondern wir selbst, indem wir uns selbst Wunden zufügen und nicht nur unsere Seele und unseren Leib verstümmeln, sondern auch andere Menschen.

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