Die Demut - Der Sonntag vom Pharisäer und Zöllner

10. Februar 2022

Ikone zum Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner

Ikone zum Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner

Der folgende Sonntag heißt: "Sonntag vom Pharisäer und Zöllner." Am Vorabend dieses Tages, am Samstag, wird beim Abendgottesdienst zum ersten Mal der Fastentriod, das Buch für die Gottesdienste der Großen Fastenzeit, geöffnet und die Stichera und Kanones des Sonntags vom Pharisäer und  Zöllner hinzugefügt zu den üblichen Auferstehungsstichera und Kanones. Sie sind im wesentlichen der Demut gewidmet, die für eine wahrhaftige Reue notwendig ist.

Im Gleichnis aus dem Evangelium (Lukas 18:10-14) wird uns eine Person gezeigt, die  immer mit sich selbst zufrieden ist und denkt, dass sie „das ganze Gesetz“, alle Anforderungen der Religion erfüllt. Er ist selbstbewusst und stolz auf sich. In Wirklichkeit verzerrt er jedoch die Bedeutung und den Sinn der Religion und versteht sie nicht. Er sieht in ihnen nur die Erfüllung äußerer Riten und bewertet seine Frömmigkeit nach dem Geldbetrag, den er dem Tempel opfert. Der Zöllner dagegen erniedrigt sich selbst, und seine Demut rechtfertigt ihn vor Gott. Wenn es eine moralische Qualität gibt, die jetzt völlig übersehen und sogar geleugnet wird, dann ist es die Demut. Die uns umgebende Kultur, Zivilisation, erweckt in uns ein Gefühl von Stolz, Selbstverherrlichung, Selbstgerechtigkeit. Es basiert auf der Vorstellung, dass ein Mensch alles allein erreichen kann, und stellt Gott sogar als den Einen dar, der sozusagen einem Menschen seine Leistungen und guten Taten “als Verdienste anrechnet”. Demut als persönliche oder gesellschaftliche Eigenschaft einer Völkergruppe oder einer Nation gilt als Zeichen der Schwäche und ist einer echten Persönlichkeit nicht würdig. Aber herrscht nicht in unseren eigenen Kirchen der gleiche pharisäische Geist? Wollen wir nicht, dass jedes unserer Opfer, jede Spende, jede „gute Tat“, alles, was wir „für die Kirche“ tun, angenommen, geschätzt und bekannt gemacht wird?

Aber was ist nun Demut? Die Antwort auf diese Frage mag paradox erscheinen, da sie auf einer seltsamen Aussage beruht: “Gott selbst ist demütig!” Für jeden jedoch, der Gott kennt, der Ihn in Seiner Schöpfung und in Seinem Heilshandeln betrachtet, ist klar, dass Demut tatsächlich eine göttliche Eigenschaft ist, die Essenz und Ausstrahlung jener Herrlichkeit, die, wie wir bei der Göttlichen Liturgie besingen, die Himmel und Erde erfüllt. In unserem menschlichen Verständnis neigen wir dazu, Ruhm und Demut einander gegenüberzustellen und in letzterem eine Art Fehler oder Schwäche zu sehen. In menschlicher Hinsicht kann nur unsere Ignoranz, unser Mangel an Wissen dazu führen, dass wir uns demütig fühlen. Es ist fast unmöglich einem modernen Menschen, der von Werbung für sich, von Selbstbestätigungen und endlosem Selbstlob lebt, zu vermitteln, dass alles, was wirklich vollkommen, echt, schön und gut ist, gleichzeitig auf natürliche Art demütig ist. Gerade dank seiner Vollkommenheit bedarf sie keiner Verkündigung, äußerem Ruhm, irgendeiner Art von Werbung. Gott ist demütig, weil er vollkommen ist. Seine Demut ist Seine Herrlichkeit und die Quelle alles wirklich Schönem und Vollkommenen. Es ist die Quelle der Güte und der Vollkommenheit, und jeder, der sich Gott nähert und Ihn erkennt, nimmt unmittelbar an der göttlichen Demut und seiner Schönheit teil. Gerade wegen ihrer Demut wurde die Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, zur Freude der ganzen Welt, zur größten Offenbarung der Schönheit auf Erden; dasselbe kann man von allen Heiligen und von jedem einzelnen Menschen in den seltenen Momenten einer Gottesberührung sagen.

Wie kann man demütig werden? Für einen Christen gibt es eine einfache Antwort: die Betrachtung Christi, der verkörperten göttlichen Demut, des Einen, in dem Gott ein für alle Mal seine Herrlichkeit als Demut und seine Demut als Herrlichkeit offenbart hat. Christus sagte in der Nacht seiner tiefsten Selbst-Erniedrigung: “Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in Ihm verherrlicht“ (Joh 13,31). Du lernst, demütig zu sein, indem du auf Christus schaust, der sagte: „Lernt von mir, denn ich bin sanft und demütig von Herzen“ (Matthäus 11,29). Letztendlich lernst du Demut, indem du jedes Wort, jeden Schritt, dein ganzes Leben an Christus misst und mit Ihm vergleichst. Denn ohne Christus ist wahre Demut unmöglich, so dass sich für den Pharisäer sogar der Glaube in Stolz verwandelt, da er in seiner pharisäischen Eitelkeit stolz auf seine menschlichen, äußerlichen Leistungen ist.

Die Vorbereitung auf das Fasten beginnt mit einer Bitte, einem Gebet um Demut, denn Demut ist der Beginn einer echten Reue. Demut ist vor allem und in erster Linie die Wiederherstellung, die Rückkehr zur natürlichen Ordnung der Dinge, zu ihrem richtigen Verständnis. Seine Wurzeln nähren sich aus Demut, und Demut,diese  wunderbare göttliche Demut, ist seine Frucht und seine Vollendung. “Des Pharisäers prahlerische Rede lasst uns fliehen”, sagt das Kondakion dieses Tages,”doch die Größe demütiger Worte lasst beim Zöllner uns erlernen; ...“. Wir stehen vor den Toren der Buße, und im feierlichsten Moment der sonntäglichen Nachtwache, nachdem die Auferstehung und das Erscheinen Christi verkündet wurden, und wir gemeinsam sangen „Christi  Auferstehung haben wir geschaut“, werden zum ersten Mal die Bußtroparien gesungen, die uns durch die ganze Große Fastenzeit begleiten werden:

Öffne mir der Reue Pforten, du Spender des Lebens. Denn früh am Morgen erhebt sich mein Geist zu deinem heiligen Tempel. Ganz trag ich beschmutzt den Tempel des Leibs. Wohlan, du Mitleidvoller, mach ihn rein in deiner erbarmenden Güte.

 O, richte gerade mir des Heiles Pfade, Gottesmutter. Denn beschmutzt hab meine Seele ich durch schändliche Sünden und leichten Sinns mein ganzes Leben vertan. Durch deine Bitten mache mich von allem Schmutze rein.

 Meiner schlimmen Taten Menge bedenkend, erzittere ich vor dem furchtbaren Tag des Gerichts. Doch bauend auf das Mitleid deiner Erbarmung ruf ich wie David zu dir: Erbarm dich meiner, o Gott, nach deinem großen Erbarmen.

Erzpriester Alexander Schmemann, Die Große Fastenzeit

(Übersetzung aus dem Russischen)

Quelle: Православная энциклопедия «Азбука веры»

Sonntag vom Pharisäer und Zöllner

Kondakion, 4. Ton

Des Pharisäers prahlerische Rede * lasst uns fliehen, * doch die Größe demütiger Worte * lasst beim Zöllner uns erlernen; * und erfüllt von Reue lasst uns rufen: * Retter der Welt, ** sei gnädig Deinen Knechten.

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