Briefe an meine geistlichen Kinder. Teil 19

23. März 2022

Briefe an meine Geistlichen Kinder

IGUMEN NIKON (WOROBJOW)

Briefe an verschiedene Personen

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Ihnen, die Sie von den Wogen des Lebens hin- und hergerissen werden, wünsche ich Frieden und Heil!

Auf ihre Beichte, in der Sie mir Ihren Zustand geschildert haben, antworte ich Ihnen: „Jesus Christus, unser Herr und Gott, ... Amen“ (Anfang und Ende des sogenannten Absolutionsgebets des Priesters nach einer Beichte – A.d.Ü.).

So viel Sie auch immer wieder stürzen mögen, verzweifeln Sie nicht und verlieren Sie nicht den Glauben. Bewahren Sie wenigstens „einen Punkt“ in sich, der ihren Zustand sieht und erkennt und sich manchmal wegen diesem demütig vor Gott stellt. So werden Sie nie im Meer des Lebens untergehen. Der Herr wird es nicht zulassen und Ihnen in einer kritischen Minute die Hand reichen, wie er dies auch für den dem Ertrinken nahen Apostel Petrus getan hat. „Die Welt wird euch hassen“ (Joh. 15,18) – hat der Herr seinen Jüngern vor zweitausend Jahren mit auf den Weg gegeben. Diese Prophezeiung erfüllt sich bis heute ununterbrochen an allen, die Ihm nachfolgen. Doch es erfüllt sich auch eine andere Prophezeiung: „Seid stark, Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33). „Der, der in euch ist, ist stärker als der, der in der Welt ist“ (1 Joh 4,4) – sagt der Apostel Johannes der Theologe.

Das Wort „Welt“ hat hier zwei Bedeutungen. Es ist erstens die äußere Welt, die gefallene Menschheit, und zweitens unser „alter Mensch“ in uns mit seinen Leidenschaften und sündigen Neigungen. Diese Welt untersteht dem Teufel. Er findet in ihr seine Instrumente, mit denen er den Schüler Christi jagt und verfolgt, um ihn ins Verderben zu stürzen. Doch der Herr hat die Welt und den Teufel besiegt. Gewaltsam und ohne den Willen des Menschen kann der Teufel niemandem etwas anhaben. Nur derjenige gerät in die Fänge des Teufels, der ihm bewusst die Hand reicht. Wer sich ihm aber entgegenstellt und Hilfe beim Herrn Jesus Christus sucht, für den besteht keine Gefahr. Für den können sich die Versuchungen des Teufels nur als nützlich erweisen. Und in der Tat sind sie von großem Nutzen.

Man muss lernen, seine Stürze in die Sünde und seinen „alten Menschen“ in sich als Mittel zu gebrauchen, um zur Demut zu gelangen. Ein Mensch, der demütig geworden ist, hat einen besonderen inneren Zustand erreicht, in dem er sich gegen alle Angriffe des Teufels verteidigen kann. Er hofft schon nicht mehr auf sich selbst, sondern nur noch auf den Herrn. Der Herr aber ist allmächtig und hat den Teufel besiegt. Er wird ihn deshalb auch in unserer Seele besiegen, wenn wir ihn nicht mit unserer Kraft bekämpfen, sondern den Herrn zu Hilfe rufen und uns Seinem Willen anvertrauen.

Geben Sie sich nicht endgültig auf. Denken Sie nicht, dass sich ein Beichtvater wegen ihrer Sünden nun von Ihnen abwendet. Wenn ein Mensch aufrichtig bereut, dann empfindet der Beichtvater besondere Barmherzigkeit und Liebe zu ihm. So ist es in der Tat! Ein solcher Zustand des Beichtvaters ist ein Beweis dafür, dass der Herr demjenigen der beichtet, seine Sünden vergibt und ihn voller Liebe bei sich aufnimmt, wie er auch den Verlorenen Sohn in die Arme geschlossen hat.

Seien Sie also stark. Möge ihr Herz kräftig werden. „Der, der in Ihnen ist, ist stärker als der, der in der Welt ist“ (1. Joh. 4,4). Möge der Herr Ihnen bei allem Guten helfen. Möge Er Ihnen Einsicht schenken und Sie stärken. Möge Er Sie auf dem Fels Seiner Gebote festigen und Sie zum Heil führen, zur Freude in der Ewigkeit. Amen.

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„Wer wird für uns den Stein vom Grabe wegwälzen? (Mk. 16,3). Es war ein großer Stein. Wer hat ihn weggewälzt? Auf Geheiß Gottes war dies ein Engel. Er wird auch von Ihrem Herzen den Stein der Gefühllosigkeit wegnehmen, wenn die Zeit dafür gekommen sein wird. Man muss dem Herrn während der Zeit, in der man nichts fühlt, keinen Glauben hat und voller Zweifel ist, in der Zeit von Kummer und Krankheiten und anderen Widrigkeiten, seine Treue beweisen. Man muss unter Anstrengung des Willens seinen Glauben in sich stärken, wenn dieser, weil der Herr es zulässt, fast erloschen ist. Der Herr lässt dies geschehen, damit der Mensch immer wieder neu zeigt, wohin er strebt und was für ihn das Wichtigste ist.

Es gibt einen Ausspruch der „Starzen“. Jeder guten Tat geht eine Versuchung voraus oder folgt dieser nach. Solche guten Dinge, wie ein Gebet aus vollem Herzen und besonders der Empfang der Kommunion, können nicht ohne die Rache des Teufels stehen bleiben. Er wendet alle Kraft auf, um einen Menschen von einem Gebet, wie es wirklich sein sollte, abzuhalten. Ebenso versucht er, einen Menschen am Empfang des Abendmahls zu hindern. Wenn ihm dies aber nicht gelungen ist, dann versucht er danach auf den Menschen so einzufallen, dass von dem errungenen Nutzen nichts mehr übrig bleibt. Dies wissen alle sehr gut, die sich um ein Leben im Geiste bemühen. Deshalb sollten wir, wie es uns möglich ist, mit Demut und zerschlagenen Herzen, den Herrn bitten, dass Er uns von den Netzen des Feindes bewahren möge, der entweder direkt auf unsere Seele wirkt oder aber durch Menschen, die ihm gefügig sind.

Wundern Sie sich darüber nicht. Der Kampf ist hart. „Wo nicht der Herr das Haus baut, arbeiten die, die daran bauen, umsonst, wo nicht der Herr die Stadt behütet, wacht der Wächter umsonst“ (Ps. 127,1). Man sollte sich in die barmherzigen Hände Gottes begeben und, um sich vor den sichtbaren und unsichtbaren Feinden schützen zu können, vor Gott seine Schwäche und Hilflosigkeit bekennen. Haben Sie keine Angst! Der Teufel tut nicht das, was er gerne tun würde, sondern nur das, was ihm der Herr zu tun erlaubt. Schauen Sie sich das Buch Hiob an.

Möge der Segen Gottes immer mit Ihnen sein. Verzweifeln Sie nie. Möge Sie das Kreuz Christi immer daran erinnern, dass die Liebe Gottes zum gefallenen Menschen grenzenlos ist. Reicht es etwa nicht aus, allein daran zu denken, um sich ganz in die Hände Gottes begeben zu können? Wenigstens ein wenig sollte jeder das Gottesreich suchen. Der Herr wird einen solchen Menschen nie ohne Hilfe und Trost stehen lassen. Der Herr liebt Sie! Haben Sie Geduld und hoffen Sie auf den Herrn!

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